Patientenverfügung

Der Globus erinnert mich immer an meine Oma. Sie zeigte mir die Länder und Städte auf der kleinen Kugel, erzählte mir Geschichten von Pharaonen in Ägypten, weißen Stränden in Thailand oder von Hochhäusern in New York. Als mein Großvater starb, hörten diese Geschichten auf. Ihr Zustand verschlechterte sich und wurde schwer krank. Ich konnte leider nicht bei ihr sein, da ich selbst auf Reisen war und die Länder besuchte, die mir meine Oma auf dem Globus gezeigt hatte. Als ich zurück nach Deutschland kam und ihr meine Geschichten von den fernen Ländern erzählen wollte, lag sie einfach nur da, in ihrem Krankenbett und an den lebenserhaltenden Maschinen angeschlossen. Ich brachte einen Globus mit und zeigte ihr mit dem Finger auf der Karte meine Reisen. Von ihr kam keine Reaktion, sie schaute leer an die Decke. Nur noch das Herz schlug schwach. Niemand kann sie gehen lassen, keiner ist dazu befugt. Es wurde nie eine Patientenverfügung unterschrieben und die Ärzte sind gesetzlich dazu verpflichtet, meine Oma am Leben zu erhalten. Immer wenn ich auf Reisen bin denke ich an sie und will in den Himmel blicken und sie grüßen. Das kann ich leider nicht, da ihr Körper wie ein leere Hülle auf der Erde am Leben gehalten wird.

 

Mit meinen 24 Jahren dachte ich, dass es zu früh sei, sich mit Patientenverfügungen zu beschäftigen. Seitdem ich meine Oma jeden Tag leiden sehe, ist das Thema ganz aktuell. Ich will nicht das gleiche Schicksaal erleiden wie sie.

Ohne Worte von uns gegangen, aber immer noch da

 

Ich hatte Anja S. noch nie so bestürzt und wütend gesehen. Als sie aus dem Gespräch mit dem Arzt kam, schrie sie das ganze Krankenhaus zusammen. Sie war jedoch nicht wütend auf den Arzt oder die Angestellten. Sie war wütend auf sich selbst. In dem Gespräch mit dem Arzt wurde ihr erklärt, dass ihre Mutter nur noch durch die Maschinen am Leben gehalten wird. Anja S. fragte den Arzt, ob es denn möglich sei die Maschinen abzuschalten, um der Mutter das Leid zu ersparen. Mitbekommen würde sie doch sowieso nichts mehr. Der Arzt teilte ihr daraufhin mit, dass ihm keine Patientenverfügung vorliege und er daher gesetzlich verpflichtet sei, die Mutter am Leben zu erhalten. Anja S. verlor die Fassung und fuhr aus Verzweiflung in Rage. Sie wollte sich in der Vergangenheit mit diesem Thema nicht befassen, nun war es zu spät. Jede Woche besucht sie ihre Mutter im Krankenhaus, seit fünf Jahren. Seit fünf Jahren hat sie weder ein Wort, noch einen Augenkontakt von ihrer Mutter gehört oder gespürt.